RENNINGEN/MÜNCHEN (IT BOLTWISE) – Der Bosch-Konzern erhöht die Investmentsumme in das geplante Zentrum für die Erforschung von künstlicher Intelligenz in Tübingen auf insgesamt 100 Millionen Euro. Auf der hauseigenen Konferenz Aicon ist Bosch-Technikchef Michael Bolle sehr zuversichtlich, für diesen “KI-Campus” die besten Forscher der Sparte zu gewinnen. Bis 2022 sollen 3.000 neue KI-Forscher eingestellt werden. Sie sollen dafür sorgen, das bis 2025 alle Produkte von Bosch KI enthalten oder mit KI-Methoden hergestellt werden.

Ein Unternehmer aus Leipzig, welcher inzwischen unter anderem im Dienst der deutschen Politik steht, geht ausgerechnet auf Boschs Hauskonferenz für Künstliche Intelligenz (unter dem Namen “Aicon” bekannt) mit Bosch und der Branche hart ins Gericht. Rafael Laguna leitet die neue Agentur für “Sprunginnovationen” der Deutschen Bundesregierung und soll dabei helfen, dass in Deutschland mehr Zukunftstechnologien und erfolgreiche Produkte entstehen.

Vor allem die deutsche Autoindustrie habe laut Rafael Laguna das vergangene Jahrzehnt „verschlafen“ und sei laut dem Experten in der elektrifizierten Zukunft wieder aufgewacht, beklagt er am Dienstag in Boschs Forschungszentrum in Renningen auf dem Podium. Außerdem habe der Konzern Bosch seine Batterieforschung nicht mehr vorangetrieben. „Die letzte disruptive Erfindung in Deutschland war das Auto“, so Laguna. Und sei etwas erfunden worden in Deutschland wie beispielsweise das erfolgreiche MP3-Audio-Format, dann hätten Firmen aus dem Ausland das meiste Geld damit gemacht.

Wie gut sind Deutschland und der Südwesten bei Zukunftstechnologien wie der Künstlichen Intelligenz aufgestellt? Wie kann man mit den Supermächten Amerika oder China konkurrieren? Das sind die Leitfragen der diesjährigen Konferenz Aicon von Bosch, für die der Konzern neben Laguna unter anderem die niederländische Forscher-Koryphäe für maschinelles Lernen, Max Welling, und den eigenen Digital- und Technikchef Michael Bolle eingeladen hat. Dieser räumt ein, dass Bosch zu spät auf neue Entwicklungen aus der Wissenschaft reagiert habe und zum Beispiel von der Geschwindigkeit bei der Entwicklung von E-Autos überrascht worden sei.

Und doch müsse man sich entscheiden, in welchen Feldern man investiere, betont Laguna. „Ein Schlüssel für Bosch ist die industrielle Künstliche Intelligenz“, sagt er, bei Bosch bedeutet das den Einsatz von Künstliche Intelligenz in der Produktion und in den Produkten, ob in Autos, Fabriken oder in den vernetzten Thermostaten smarter Häuser. „Hier können wir vor den USA und China führend sein. Dafür müssen wir aber auf europäischer Ebene zusammenarbeiten und Gelder bereitstellen.“ Mehrere Milliarden Euro pro Jahr müssten es mindestens sein, meint Bolle.

Das findet auch Max Welling, der mit anderen führenden Forschern das europäische Netzwerk Ellis ins Leben gerufen hat. Ellis soll als Verbund europäischer Spitzen-Unis die KI-Forschung in Europa bündeln, um mit Konzernen wie Facebook oder Google konkurrieren zu können, auch was das Werben um die besten Talente angeht. „Wir sollten zu reden aufhören und machen“, sagt er.

Europa werde bisher zu sehr „von der Angst“ getrieben. „Wir müssen im globalen Wettbewerb das akademische Ökosystem attraktiv halten“, ergänzt Bolle. Wissenschaft und Industrie müssten viel enger kooperieren, sonst würden andere die Ideen zu Geld machen. „Wir müssen alle dieses Ökosystem bauen“, betont Welling wiederum – „Forschung, Kapitalgeber, die Industrie und Start-ups müssen um die Universitäten herum zusammenfinden. Ich selbst will meine Produkte nicht notwendigerweise kommerzialisieren. Aber es sollte genau dafür ein Team geben.“

Darauf baut auch Bosch. Das Unternehmen ist einer der wichtigsten Partner im sogenannten Cyber Valley, das in Zusammenspiel aus Forschung, Wirtschaft und Politik die Region Tübingen-Stuttgart zu einem führenden Schwerpunkt für KI-Forschung ausbauen soll – neben dem Max-Planck-Institut sind unter anderem Porsche, Daimler und das Land mit von der Partie. Im Cyber Valley plant Bosch auch ein eigenes Entwicklungszentrum für KI, für dessen Bau bisher 35 Millionen Euro veranschlagt wurden.

In Renningen kündigte Bolle an, die Investitionen auf 100 Millionen Euro zu erhöhen. Bis Ende 2022 sollen die Büros, Labore und Unterkünfte Platz für rund 700 KI-Forscher aus aller Welt bieten, 26.000 Quadratmeter messe der Komplex dann. „Damit machen wir das Cyber Valley und Baden-Württemberg für internationale Top-Talente zusätzlich attraktiv“, sagte Bolle.

Hinzu komme bei Bosch das vor einigen Jahren eröffnete Center for Artificial Intelligence in Renningen mit seinen knapp 300 Mitarbeitern. Insgesamt beschäftige Bosch damit 1000 Spezialisten für Künstliche Intelligenz weltweit – bis 2022 sollen es 4000 sein. Sie sollen dafür sorgen, das bis 2025 alle Produkte von Bosch KI enthalten oder mit KI-Methoden hergestellt werden.

Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung zeigt sich Michael Bolle zuversichtlich, die besten Mitarbeiter für die Mammutaufgabe gewinnen zu können – trotz Konkurrenz von Google & Co. Man habe an Attraktivität gewonnen und sei bekannter geworden, meint er, die guten Mitarbeiter würden weitere nachziehen. „Und mit dem Themenfeld industrielle Künstliche Intelligenz sind wir für viele Forscher hochinteressant, weil KI Teil unserer Produkte ist“, sagt er. „Bei uns können sie KI anfassen.“


Künstliche Intelligenz im Auto: Anfang dieses Jahres präsentierte Bosch in Las Vegas ein Shuttle-Konzeptfahrzeug (Foto: Bosch)
Anfang dieses Jahres präsentierte Bosch in Las Vegas ein Shuttle-Konzeptfahrzeug (Foto: Bosch)

Quelle: Stuttgarter Zeitung









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